Instagram: drawing-log 
weblog
Zeichnungslog
Die Lieblingspfeile
Neu bei hanneskater.de
Aktuelle Ausstellungen
Das weblog Archiv
Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, August 2026
*  Da war ich für die Ausstellung
Right drawing in wrong settings
in der Galerie Number 35 in
New York.
11.08.2026
Lieblingspfeile

LP 2234 - Lieblingspfeil Nr. 2234 von Hannes Kater
 Subway Plan für New York City, 2008
**  Nachleben – Nachleben der Antike:
Zentraler Begriff Aby Warburgs (u.
a. in seinem Bilderatlas Mnemosyne,
entstanden 1924–1929). Gemeint ist,
dass bestimmte affektiv stark aufge-
adene Bewegungs- und Ausdrucks-
formen – Warburg nennt sie „Pathos-
formeln" – über Jahrhunderte hinweg
formal erhalten bleiben und in im-
mer neuen Bildträgern wiederkehren,
auch wenn sich ihr ursprünglicher
Sinn-zusammenhang längst aufge-
löst hat. Die Form über-dauert den Kontext, der sie einst hervorgebracht
und begründet hat.
Lieblingspfeil Nr. 2234
Verpfeiltes "p"

Als Aufräumen_XXX bekommt hier "the map", der Plan der NYC-Subway-Linien – current as of March 2008, also Stand März 2008* – seinen Auftritt, um das schön verpfeilte "p" in dem Wort "map" zu würdigen.

Schön, weil das "p" in eine ungewöhnlich lange Pfeilbahn übergeht, bevor dann die Pfeilspitze die Verpfeilung komplettiert.


Aufräumt habe ich meine Sammlung von Landkarten und Stadtplänen, also fast vollständig entsorgt, weil ich sie nicht mehr nutze und auch kaum Abnehmer für die Karten gefunden habe...

Nur historisch gewordene Pläne von West-Berlin habe ich aufgehoben... schon wegen der damaligen Straßennamen und der, im Stadtplan, erkennbar anderen Stadt.


Nachtrag 14.08.2026
In meiner Sammelkiste zu meiner Zeit in New York City, als ich 2000/2001 mit dem Peter Voigt Reisestipendium dort unterwegs war [siehe Berichte] fand ich noch eine ältere Version von the map aus dem Jahr 2001.

So klärt sich auch, dass der Pfeil (ursprünglich) weder eine Ausrichtung der Karte, noch einen speziellen Punkt auf der Karte anzeigen sollte – und dass die Zeigerichtung "nach unten" auch nicht für die Untergraundbahn stand, sondern exakt auf das MTA-Rondell-Logo wies. Siehe Abbildung rechts.

Der Pfeil hatte noch eine reale indexikalische Funktion, er verband den Wort-Titel „the map" mit dem Verantwortlichen des Produkts, der Metropolitan Transportation Authority – eine Art Signatur-Geste.

Da das MTA-Logo später, zusammen mit hinzugefügten „Metropolitan Transportation Authority", in eine neu dazugekommene untere Leiste gewandert ist, zeigt der Pfeil jetzt nirgendwo hin.

Das ist ein exemplarisches Beispiel für eine Entwicklung, die, sowohl in der Design-Theorie, als auch in der Evolutionsbiologie,
Vestigialität heißt: eine Form bleibt erhalten, nachdem ihre ursprüngliche Funktion entfallen ist – wie ein Blinddarm oder wie bei Warburgs „Nachleben"**: eine Formel, die über den Kontext hinaus weiterlebt, der sie einst notwendig machte.



Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, August 2026
*  Villa der Versuchung war die erfolgreichste neue Reality-Show 2025, die zweite Staffel läuft seit August 2026. Allerdings hat sie aktuell keine guten Quoten...
  Zum Konzept: 14 Prominente ziehen zwei Wochen in eine bewusst kärglich ausgestattete Villa in Thailand – kein Luxus, keine Betten, keine Duschen. Der Jackpot von 250.000 Euro schrumpft durch jede Annehmlichkeit, die sich jemand „kauft" (Bett, Dusche, Kleidung oder Nahrung), so dass die Gewinnsumme für den, durch weitere "Spiele" zu ermittelnden Sieger, die den Jackpot noch weiter reduzieren, ständig schrumpft.
**  Exemplifikation, in Nelson Goodmans Unterscheidung (Languages of Art). Goodman trennt zwei Arten, wie ein Zeichen sich auf etwas bezieht: Denotation (ein Zeichen zeigt auf etwas außerhalb seiner selbst – der Wegweiser-Pfeil, der Index) und Exemplifikation (ein Zeichen besitzt selbst eine Eigenschaft und verweist auf diese Eigenschaft dadurch, dass es sie hat, nicht dadurch, dass es auf sie zeigt).
08.08.2026
Lieblingspfeile

LP 2233 - Lieblingspfeil Nr. 2233 von Hannes Kater
LP 2233 - Lieblingspfeil Nr. 2233 von Hannes Kater
Außenwerbung (Details) an einer Straßenbahnhaltestelle in Berlin Prenzlauerberg
Lieblingspfeil Nr. 2233
Versuchende Pfeile

Eine zur Zeit in Berlin häufiger zu sehende große Außenwerbung, unter anderem an Straßenbahnhaltestellen: „Ab Montag erhältlich in der VILLA DER VERSUCHUNG"* – dazu zwei geschwungene Pfeile unter dem Wort VILLA, die von der Wortmitte VERSUCHUNG in einem Schwung nach oben laufen, nicht mit der Leserichtung, sondern gegen sie, um auf VILLA zurück zu weisen.

Diese Pfeile denotieren nichts (weisen
auf kein Ziel), aber
sie exemplifizieren Verführung** – sie sind schwingend, ziehend, sich windend, und genau durch dieses Besitzen der Eigenschaft ver-
führerische Bewegung
verweisen sie auf Versuchung, nicht indem sie auf sie zeigen, sondern indem sie sie vorführen. Sie erinnern dabei an Schlangen- und/oder Teufels-schwänze – schließlich geht es hier um Versuchung – aber auch an Jugendstilornamente oder an Wellen... liegt diese Villa an einem Seeufer oder an einer Küste?

Was als "ab Montag erhältlich" beworben wird: ein Ei. Für 300 Euro. Mittig am unteren Bildrand ist noch die weiße Eispitze zu erkennen, drüber dann meine Spiegelung, wie ich die Werbung fotografiere.

Das Ei zieht die ganzen Assoziationen, die sich beim Betrachten des Logos eingestellt haben (Schlange, Teufel, Paradies, Versuchung – und Eva – die Pfeile weisen auf das "V" und das "A"... fehlt nur noch das "E"), noch einmal ins Absurd-Konkrete: hier geht es nicht um den Apfel (der Erkenntnis), sondern um ein Ei – also nicht um die Frucht der Erkenntnis, sondern den Ursprung des Lebens selbst, für schlappe 300 Euro zum Aufessen.


Zum Thema expressive Piktogrammge-staltung, bzw. Ausdruckstypografie,
vergleiche auch: Gibt es traurige Pfeile?



Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, August 2026
*  2022 hat Abraham seine wichtig-
sten Arbeiten in einem Buch mit
dem Titel "Il codice della strada"
(Die Straßenverkehrsordnung)
veröffentlicht.
Offizieller Account bei Insta:
@cletabraham, aktuell 167.000
Follower + @cletstudio, ein Be-
hind the scenes
of @cletabraham
Zwei der weiteren Sticker auf dem
Schild im Detail
06.08.2026
Lieblingspfeile

LP 2232 - Lieblingspfeil Nr. 2232 – eingereicht von Bernd Stegmann
Verkehrszeichen in Rom. Foto: Bernd Stegmann
Lieblingspfeil Nr. 2232
Herz mit, bzw. über, Pfeil

Das Herz über den Verkehrszeichen-Pfeil ist eines der Signature-Motive ("la freccia di un obbligo che trafigge un cuore") von Clet Abraham.* Er ist dafür bekannt, seine Motive an vielen Orten zu wiederholen – das Motiv gehört zu seinem konstanten Repertoire.

Im Shop Sticker Museum gibt es dieses Motiv als "CLET ARROW THROUGH THE HEART STICKER", blaues, mittelgroßes Decal, Digitaldruck auf Vinyl-Sticker, 10x10 cm, für 50 Dollar. Das ist kein Vandalenset zum selber Stickern, sondern eine verkleinerte Version mit Herz und Pfeil zum Sammeln/Aufkleben, offiziell autorisiert.

Clet Abraham selbst sagt, seine Werke "gehören allen"; er begrüßt sogar spätere Eingriffe anderer auf seine eigenen Interventionen als "Dialog". Das erklärt möglicherweise auch, warum auf dem Foto mehrere fremde Sticker (COSECHA1980, Oskoed Slotters, was mit LOVE und ein sehr verblichender Sticker auf der Herzspitze) auf dem Schild kleben – das wäre in seiner eigenen Logik kein respektloser Übergriff, sondern genau die Art Dialog, die er sich wünscht.

Vgl. auch mit:
LP_2216 und LP_1676


Eingereicht von Bernd Stegmann


Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
 
25.06.2026
Lieblingspfeile

LP 2231 - Lieblingspfeil Nr. 2231 von Hannes Kater
LP 2231 - Lieblingspfeil Nr. 2231 von Hannes Kater
Hellgrauer bedruckter 10er Eierkarton
Lieblingspfeil Nr. 2231
Von einem Pfeil umkreistes "A"

KAT ist das Akronym für den Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V. Der Verein wurde 1995 als Reaktion auf damalige Betrugsfälle auf dem Eiermarkt gegründet. Er soll sicher stellen, dass Eier lückenlos rückverfolgbar sind und garantiert aus Boden-, Freiland- oder Biohaltung stammen.

Die Pfeilspitze:
der offene Kreis um das "A", der in einer Pfeilspitze endet, symbolisiert einen Kreislauf beziehungsweise eine Lieferkette, die man zurückverfolgen kann.

Der Abstand zwischen dem "K" dem "A" und dem "T" muss, wegen des Kreises um das "A", relativ groß sein. Schwierig. Sobald ein Element (der Kreis-Pfeil) exklusiv um einen Buchstaben gelegt wird, bekommt dieser Buchstabe ein optisches Gewicht, das die anderen nicht haben – er wird umrahmt, die anderen stehen "nackt" daneben. Das Auge geht zuerst zum umschlossenen Element, weil Umschließung ein extrem starkes Aufmerksamkeitssignal ist (stärker z.B. als Größe oder Fettung). Das Ergebnis: man liest "A" mit Beiwerk, nicht "KAT" als Einheit.

Zudem ist die Anarcho-A-Assoziation kaum zu vermeiden, sobald ein Kreis um ein "A" gelegt wird, egal ob mit oder ohne Pfeilspitze. Denn das
Anarchie-Symbol ist so bekannt, dass jedes eingekreiste "A" erstmal durch diesen Filter gelesen wird, bevor man überhaupt zur gewollten Bedeutung (hier: Kontrollkreislauf) vordringt. Für ein Prüfsiegel, das Vertrauen und Ordnung signalisieren soll, ist das eine ziemlich unglückliche Kollision.


Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
*  ... als Zeichner kriegt mich das natürlich sofort. Aber dann...
 
Weitere Aufräumen-Einträge:
20.06.2026 – Aufräumen XXVIII
16.10.2025 – Aufräumen XXVII
09.04.2025 – Aufräumen XXVI
03.12.2024 – Aufräumen XXV
02.12.2024 – Aufräumen XXIV
17.09.2024 – Aufräumen XXIII
09.09.2024 – Aufräumen XXII
06.08.2024 – Aufräumen XXI
05.08.2024 – Aufräumen XX
02.08.2024 – Aufräumen XIX
01.08.2024 – Aufräumen XVIII
30.07.2021 – Aufräumen XVII
10.01.2021 – Aufräumen XVI
[…]

Mehr Einträge hier
24.06.2026
Aufräumen_XXIX

Renzo Piano, ganzseitige Anzeige in der FAZ - 18.06.2002, - Aufräumen_XXIX
    Zeitungsseite aud der FAZ vom 18. Juni 2002

Diese Zeitungsseite habe ich lange aufgehoben, weil sie ein gutes Beispiel dafür ist, wie man, trotz guter Ansätze, so richtig scheitern kann.

"
Die Gesten der Hand sind die Gesten des Instinkts – die freisten und schnellsten, die es gibt. Es ist ein mühsames Geduldsspiel, bis zu dem Moment, wo sich alles zu einem Ganzen fügt: die Dinge, die bereits existieren, die Erinnerung daran und die Suche nach dem Neuen."

Diesem
Zitat von Renzo Piano darf man nicht nachspüren – denn dann fällt es auseinander: eine Bewegung von schneller, instinktiver Geste* wird konfrontiert mit, und endet in, einem mühsam erarbeitetem Ganzen – aber wie aus vielen freien, schnellen Handbewegungen in einem Geduldsspiel sich alles zu einem Ganzen fügt, wird einem nicht erklärt. Das ein feines Ganzes anzustreben ist, ist banal. Keiner will etwas Unvollständiges, was auch noch instabil ist und auseinanderfällt – wie diese Verknüpfung dieser zwei Aussagen.

Und der Dreiklang am Ende – das Bestehende, die Erinnerung daran und die Suche nach dem Neuen – passt auf fast jeden kreativen Prozess, den man sich vorstellen kann. Kochen, Musik, Städtebau – und auch Zeichnen. Nichts an dem Satz ist falsch.

Dazu das Layout der Seite: viel leerer Raum, viel gedämpftes warmes Ocker, ein schwarz-weiß Foto mit einem nachdenklichen Piano, die Automarke sehr dezent platziert – all das soll signalisieren: hier spricht ein Gedanke, dass ist eigentlich keine Werbung.

Während die eigentliche Transaktion darunter unverändert wirksam bleibt: Ein Autohersteller versucht sich kulturelle Autorität zu kaufen. Und es misslingt. Da hilft es auch nicht, dass die "Botschafter" ihr Honorar für soziale und kulturelle Zwecke spenden.



Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
 
21.06.2026
Lieblingspfeile

LP 2230 - Lieblingspfeil Nr. 2230 von Hannes Kater
LP 2230 - Lieblingspfeil Nr. 2230 von Hannes Kater
Weste mit Ventilatoren - Details des Produktschilds
Lieblingspfeil Nr. 2230
Abgeknickter Pfeil

Kühlkleidungs-Technologie aus Japan, die dort als Kuchofuku (klimatisierte Kleidung) bekannt ist. Zwei flache Ventilatoren blasen, unten links und rechts, Luft durch das Kleidungsstück, was dazu führt, dass der Schweiß sofort verdunstet und den Körper effizient herunter kühlt.

In Japan sehr geschätzt, sind solche Westen in Europa noch kaum bekannt.

Mich interessiert hier vor allem der Pfeil mit der
abgeknickenden Pfeilbahn [Abb. oben], der die Sonnenstrahlen [Sonne oben rechts], dargestellt durch reduzierte Dreieckspfeile, von der Weste [weiße Fläche links] abhalten soll, weil Luft zirkuliert [zwei Wellenlinien über dem abgeknickten Pfeilbahnstart].

Die zwei blauen Pfeile [Abb. unten] zeigen in der Rückenansicht der getragen Weste die Wege der, durch den Ventilator in die Weste geblasenen, Luft: sie strömt zum Armansatz oder Nacken hinaus.

Die Strömungsrichtung der Luft soll ein weiteres der 4 Logos veranschaulichen, was rechts größer abgebildet ist.

Ein vielfältiger Einsatz unterschiedlichster Pfeile – der einen etwas unsystematischen Pfeilumgang vermuten lässt.



Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
*  Recherche ergab: der Aritikel
von Henning Ritter erschien
am 03.11.2001.
**  Das Foto entstand 1953 und
wurde 1954 veröffentlicht.
 
Weitere Aufräumen-Einträge:
16.10.2025 – Aufräumen XXVII
09.04.2025 – Aufräumen XXVI
03.12.2024 – Aufräumen XXV
Mehr Einträge hier
*  U.a. bei Walter Grasskamp, André
Malraux und das imaginäre Museum:
Die Weltkunst im Salon (C.H. Beck)
– der genauesten Untersuchung genau
dieses Fotos und seiner Vorgeschich-
te, samt der Wiederentdeckung von
André Vigneaus vergessener Encyclo-
pédie photographique de l'art als ei-
entlichem Vorbild. Zur Formulierung
"Geschichte des Photographierbaren"
und zur Kritik der Bildmanipulation
vgl. Schöning, "Die universelle Ver
-wandtschaft zwischen den Bildern"
(HU Berlin, 2012).
 
André Malrauxs Position, wie er am Flügel lehnt – und wie sein linkes Bein abknickt, ist räumlich schwer einzuordnen.
Malraux wirkt zurückgelehnt, distanziert souverän – ich habe, um seine Ausrichtung im Raum deutlicher werden zu lassen, einige Linien weiter gefluchtet:
Das große, anscheinend auf Pappe aufgezogene Foto eines weiblichen Kopfes einer Skulptur wirkt auch deshalb unterschwellig, weil es, zusammen mit ähnlichen aufgezogenen Fotos im gleichen Format, an der Klavierbank lehnt, also nicht senkrecht steht, und somit noch mal andere räumliche Achsen anbietet.
Und überhaupt: wer richtet, wenn er Fotos in Reihen in einem Raum auslegt, diese Reihen diagonal zum Raum aus?
Höchstwahrscheinlich ist das auf den möglichen Standpunkt des Fotografen ausgerichtet – man liest von einer Ballustrade... er stand also nicht auf einer Leiter.
Anders als oft angenommen – die Ausrichtung sei allein für den Fotografen bzw. spätere Betrachter des Fotos inszeniert –, liegt es nahe, dass Malraux sich seine Andrucke von genau diesem Standpunkt aus ansehen wollte. Auch die diagonale Ausrichtung der Bildreihen zum Raum ergibt von dort aus Sinn: Von der Balustrade aus betrachtet stehen sie in der Waage.
Die Draufsicht macht dabei auch technisch Sinn, und zwar aus einem Grund, der über bloße Übersicht hinausgeht. Was Malraux hier beurteilen musste, waren nicht in erster Linie Bildinhalte, sondern Grauwerte, Dichte, das Verhältnis von Licht und Schatten, wie plastische Details modelliert erscheinen – Fragen, die sich am besten in der Distanz, im Überblick über viele Doppelseiten gleichzeitig beantworten lassen, nicht im Detail vor einem einzelnen Blatt. Aus dieser Position markierte er vermutlich, was an der Reprokamera noch anzugleichen war: Zwei Skulpturenfotos, die aus unterschiedlichen Vorlagen stammten, mussten in Belichtung und Kontrast so aneinander angepasst werden, dass sie im gedruckten Paar wie aus einem Guss wirkten. Das war, anders als heute mit Photoshop oder automatisierten Filtern, ein aufwendiger, von Hand gesteuerter fotografischer Vorgang – und einer, der genau die erhöhte, vergleichende Draufsicht brauchte, um überhaupt zu erkennen, wo etwas nachjustiert werden musste.
Andrucke sind zudem Verbrauchsmaterial – bei einem Werk dieses Umfangs liefen üblicherweise 30 bis 50 Bögen durch, bevor Grauwert und Schärfe stimmten. Was auf dem Boden liegt, ist also nicht die kuratierte Auswahl fürs Foto, sondern der halb entsorgte Abfall eines langwierigen technischen Prozesses – nur zufällig gerade noch nicht im Papierkorb.
Diese Beobachtung – Balustrade, Diagonale, Draufsicht, alles technisch begründbar statt allein inszenatorisch – ändert nichts an der eigentlichen Pointe des Fotos, verschiebt sie aber. Christina Dembny nennt die Aufnahme selbst ein "Diagramm" – nicht weil sie etwas abbildet, sondern weil sie, wie ein Diagramm, allein durch die Anordnung ihrer Elemente eine Beziehung behauptet, die kein Einzelteil für sich hätte. Charles Sanders Peirce, der den Begriff philosophisch fasste, nannte das Diagramm eine "Ikone intelligibler Relationen" – ein Zeichen, das sich, weil es die formalen Eigenschaften seines Gegenstands direkt darstellt, an dessen Stelle setzt. Die Unterscheidung zwischen Realität und Kopie verschwindet. Genau das geschieht doppelt in diesem Foto: Das Musée imaginaire selbst ist ein Diagramm der Weltkunst – Verwandtschaft behauptet durch Nebeneinanderstellung, nicht durch Beweis. Und das Foto, das seine Entstehung zeigt, ist seinerseits ein Diagramm dieses Diagramms: Mann, Bilder, Blick von oben, alles komponiert, um zu zeigen, wie Bedeutung durch Anordnung entsteht – auch wenn ein Teil dieser Anordnung, wie sich jetzt zeigt, schlicht praktischer Arbeitsnotwendigkeit folgte, nicht nur einer Bild-Regie.
20.06.2026
Aufräumen_XXVIII – oder:
Version 1.14
Der Kniende, der Dieb, seine Kellnerin – und ich, der ich sie mir ausgedacht habe.

André Malraux - Foto (Ausriss) aus der FAZ aus dem jahr 2001
Walter Kempowski - Flyer / Einladungskarte für eine Ausstellung in der Akademie der Künste, 2007
  André Malraux (oben) und Walter Kempowski inmitten von Fotos
Den links zu sehenden Zeitungsausschnitt hebe ich jetzt schon seit über 25 Jahren auf. FAZ, "Bilder und Zeiten", Nummer 256, das Datum nicht lesbar, aber der Artikel muss 2001 erschienen sein*, zum hundertsten Geburtstag von André Malraux. Das Papier ist vergilbt, der Ausriss unregelmäßig, ich habe ihn nicht mit der Schere aus der Zeitung genommen.

Darüber, auf dem Ausschnitt, nur noch ein Satzfragment unter der Headline: "[…] Vorstellung von der chronologischen Abfolge der Kultur zu versperren: […]"

Zum Foto: André Malraux wurde von Maurice Jarnoux für Paris Match
** fotografiert – er lehnt stehend, in seinem Salon, an einem hellen Flügel [4]; er stützt sich leicht mit seinem Hintern ab. Anzug, Krawatte, Einstecktuch, Zigarette im Mund, die Hose mit sauberer Bügelfalte, die Schuhe schwarz und leicht glänzend – ein Understatement, das keine Zweifel aufkommen lässt an der Seriosität dessen, was hier geschieht.

Um ihn herum, auf dem Boden, Hunderte Schwarz-Weiß-Andrucke seines Buchprojekts, paarweise arrangiert, Doppelseite neben Doppelseite. In der Hand hält er eine einzelnen Andruck, den er konzentriert betrachtet – wir sehen nur die weiße, leere Rückseite. Wir nicht das Bildmotiv zu sehen – das sieht nur Malraux, der es für uns bewertet.

Kunsthistoriker stellen diese Szene seit Jahrzehnten neben Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas* – und werten dabei meist unnötig: hier die seriöse Wissenschaft, dort die Selbstinszenierung. Warburg kuratierte, sich selbst wiederholt korrigierend, schwarze Tafeln mit einer jeweils fasslichen Anzahl von Bildbeispielen und dokumentierte jede Fassung frontal, also sachlich nachvollziehbar – Malraux hingegen prüfte Andrucke, für niemanden bestimmt, außer für ihn selbst: zwei verschiedene Gattungen von Tätigkeit, die nur zufällig ähnlich aussehen. Dass dabei u.a. dieses Foto entstand, das sich gut zu Werbezwecken einsetzen ließ, sollte den (nötigen) Arbeitsvorgang – die Korrektur vor der Druckfreigabe – nicht diskreditieren.


Der Dieb

Was ich damals nicht wusste: dieser distinguiert wirkende Mann war 1923, mit 22 Jahren, zusammen mit seiner Frau und einem Freund in den Tempel Banteay Srei in Kambodscha eingebrochen und hatte zwei Tage lang mit einfachem Werkzeug Devata-Reliefs aus der Wand gesägt, um sie an amerikanische Sammler zu verkaufen, weil er das Vermögen seiner Frau an der Börse verspekuliert hatte. Er wurde erwischt, verurteilt zu drei Jahren – und saß keinen einzigen Tag ab, weil Freunde wie André Breton für ihn petitionierten und weil das Kolonialsystem, das ihn richtete, auch das System war, das ihn laufen ließ.

Zwanzig Jahre später ordnet derselbe Mann in seinem Salon die Weltkunst neu – nach visueller Ähnlichkeit, zu einem Musée imaginaire. Und die Idee war nicht mal seine eigene: Jahre bevor Malraux sich damit befasste, hatte der Fotograf André Vigneau in seiner „Encyclopédie photographique de l'art" (fünf Bände, ab 1935) genau das vorgemacht – Kunstwerke aus aller Welt fotografisch nebeneinandergestellt, um Verwandtschaften sichtbar zu machen. Der Kunsthistoriker Walter Grasskamp hat das im Detail nachgewiesen und bringt es auf den Punkt: Malraux war „der bessere Sloganeer" – er übernahm das Prinzip, ohne die Quelle kenntlich zu machen.

Das Vokabular, mit dem man das heute verhandelt, vergesse ich zuverlässig wieder, sobald ich es gelesen habe – Othering, Extraktivismus, symbolische Landnahme, Begriffe, die klingen, als bräuchten sie eine eigene Fußnote, nur um zu sagen, was die Kellnerin weiter unten in einem Satz sagen kann. Der Kern, so viel bleibt hängen: Aneignung nicht als Diebstahl von Objekten, sondern als Diebstahl von Deutungshoheit – Malraux ordnet fremde, meist außereuropäische Kulturgüter in seine eigene, universalistische Erzählung ein, ohne die Herkunftsgemeinschaft je zu fragen, ob sie sich darin wiederfindet.

Dabei ist an dem, was Malraux mit der Kamera tut, formal – damals wie heute – nichts strafbar. Er stiehlt nichts, er fotografiert nur, bzw. benutzt Fotos: wählt Ausschnitte, bevorzugt bestimmte Aufnahmewinkel auf eine Skulptur, die real ganz anders im Raum steht und wirkt, vereinheitlicht Farbe, Material und Maßstab zu Schwarz-Weiß, montiert das Ergebnis in eine Nachbarschaft, die es historisch nie gab.




Jeder dieser Schritte ist legal, und keiner davon lässt sich mit dem gleichsetzen, was ihm 1923 in Banteay Srei vorgeworfen wurde, oder mit den erzwungenen Käufen zu absurd niedrigen Preisen und den Kriegsplünderungen, mit denen sich die Restitutionsdebatte der letzten Jahre zu Recht beschäftigt. Das ist ein anderes Register: keine Enteignung von Objekten, sondern eine unautorisierte Übersetzung von Bedeutung – Respektlosigkeit, Umdeutung, Aneignung nicht der Dinge, sondern der Deutungshoheit über sie. Ob dafür dasselbe Wort taugt, Aneignung, oder ob es die eigentliche Aneignung – die von 1923 – verharmlost, indem es sie mit einer Fotografie in einen Topf wirft, ist die Frage, die für mich nicht geklärt ist.


Die Kellnerin

Deshalb erfinde ich hier eine Kellnerin, die es gegeben habe könnte. Eine 56-Jährige, die an ruhigen Abenden in einer Dorfschenke in Südfrankreich klöppelt oder häkelt – nicht irgendwelche Muster, sondern welche, die sie über ihre Mutter kennen lernte, die die wiederum von deren Mutter vermittelt bekam, usw. Eine Technik und ein Motivrepertoire – seit Generationen in der Region weitergegeben.

Stell dir nun vor, Malraux hätte, auf der Durchreise, ihre Arbeit fotografiert – ohne zu fragen und unbemerkt: den Ausschnitt gewählt, der ihm gefiel, das changierende Garn in Schwarz-Weiß auf eine reine Linienführung reduziert – und dann das Foto neben ein Detail aus einem gotischen Antependium platziert, um eine "Verwandtschaft" zu behaupten, die sie, also die Kellnerin, so nie gemeint oder gesehen hat. Und sie würde nie erfahren, dass ihre Arbeit in einem Buch über die "Verwandtschaft aller Kunst" abgebildet werden würde, weil sie am Diskurs, der so was verhandelt, nicht teilhätte.

Ich finde diesen – erfundenen – Vorgang von dem, was Malraux mit fremder Kunst – zum Beispiel afrikanischen Artefakten – tut, nicht sinnvoll unterscheidbar.


Benjamin mal wieder

Zudem – und das ist der Teil, den man auch bedenken sollte – hat dieser Bildumgang auch etwas, das ich nicht einfach nur verurteilen kann. Walter Benjamin, mit dem Malraux befreundet war und den er sehr bewunderte, hat mal geschrieben, dass Rausch – Haschisch, Opium – eine "Vorschule" für etwas sein kann, das er "profane Erleuchtung" nennt: eine veränderte, auch nüchtern erreichbare Wahrnehmung, die durch Montage entsteht, durch das gewaltsame Herausreißen von Dingen aus ihrem Zusammenhang und das Herstellen neuer Konstellationen. Genau das macht Malraux mit seinen Fotografien. Und ich kann nicht ehrlich behaupten, dass mich der Anblick eines archaischen Kopfes neben einem gotischen Engel nie etwas gelehrt hätte, das mir sonst entgangen wäre.

Diese Malraux' Methode braucht vielleicht einen Beipackzettel: Achtung, spekulativ. Wir übernehmen keine Haftung für sich durch diese Seherfahrung verändernde Sichtweisen. Wie bei begleiteter psychedelischer Erfahrung gibt es hier Risiken und Chancen gleichzeitig – nur dass der "Trip-Sitter" bei Malraux niemand anderes ist als Malraux selbst, ein Mann mit sehr eigenem Interesse daran, wie die Weltkunst aussieht, wenn er sie anordnet. Kein neutraler Guide (den es so sowieso nicht gibt).
Der Kniende

Ich zeige hier noch ein zweites Bild, das ich gerne mit dem Malraux-Foto abgleiche: "Kempowskis Lebensläufe" – ein Ausstellungsflyer für eine Ausstellung in der Akademie der Künste 2007 – die Akademie hatte 2005 Walter Kempowskis gesamten Vorlass übernommen: sein persönlich-literarisches Archiv, seine Sammlung von über 300.000 Alltagsfotografien, und ein Archiv mit über 8.000 fremden, gesammelten Lebensläufen, die er seit 1980 selbst zusammengetragen hatte.

Auf dem Foto kniet Kempowski, stützt sich mit der linken Hand ab, blickt nach oben in die Kamera – und man braucht einen zweiten Blick, um zu erkennen, dass er in einer winzigen Freistelle kniet, die auf den ersten Blick gar nicht als solche auszumachen ist. Man denkt zunächst, er kniet direkt auf den Fotos. Es gibt augenscheinlich keinen Weg zu dieser Stelle, ohne über die Fotografien zu laufen – wahrscheinlich lag irgendwo eine Unterlage, über die er dorthin gelangte, die dann entfernt wurde. Links, rechts, oben, unten: Fotos bis zum Bildrand.


Für mich ist es naheliegend,
diese zwei Fotos nebeneinander zu stellen.

Der Anzug wirkt bei Malraux wie eine Rüstung – nicht nur modisches Accessoire, sondern etwas, das ihn zusammenhält. Er blickt entschlossen, gefasst, auf das Bild, das wir nicht sehen. Er wirkt aktiv, ein Handelnder, ein Protagonist, der gerade eine Entscheidung trifft – und wir werden Zeuge, dürfen Zeuge werden.

„Kempowski dagegen trägt keinen Anzug, auch kein Jackett, keinen Schlipps und leichte Sport- oder Segelschuhe. Er wirkt legerer, die Hemdsärmel etwas hochgekrempelt und am Kragen sind zwei Knöpfe offen: so sieht kein Machtmensch aus. Er kniet mitten in seinen Bildern, wird selbst Teil von ihnen, ist nicht (nur) ihr Regisseur. Auch seine Fotos scheinen geordnet – man erahnt Blöcke –, aber ohne die klare Gliederung zu Paaren, die Malraux' Anordnung prägt, und ohne Lücken: dichter, dichter gedrängt. Und sie sind, anders als Malraux' gleichformatige Andrucke, unterschiedlich groß, mit unterschiedlichen Grauwerten – man sieht ihnen die verschiedene Herkunft an, wo Malraux alles auf ein einheitliches Format, ein einheitliches Grau nivelliert hat.
Der eine traut sich zu, die Weltkunst – ausgesuchte Beispiele – zu kuratieren, der andere ist eher Hütehund: kniet inmitten fremder Lebensläufe – Porträts, Studioaufnahmen, Familienfeiern, Hochzeitsfotos, selbst oft schon inszeniert, nur eben nicht als Kunst gemeint –, wacht über sie, formt sie nicht um.

Auch ihre Strategien unterscheiden sich, und Körperhaltung wie Kleidung zeigen das, bevor man ein Wort darüber verliert. Malraux steht, mit Abstand, im Anzug – seine Methode ist die des Redigierens: er wählt aus, beschneidet, vereinheitlicht Grauwerte, stiftet Ähnlichkeit zwischen Dingen, die sie von sich aus nicht haben. Er tritt an das Material heran, um es zu verändern. Kempowski kniet, in Hemdsärmeln, auf Augenhöhe mit seinem Material, das er nicht verändert, nur zusammenhält: fremde Lebensläufe, unangetastet in ihrer eigenen, oft schon von anderen inszenierten Form.

Und beide scheinen darauf angewiesen, dass die Bilder – diese Bilder, in genau dieser Anordnung, in genau diesem
Verhältnis zu ihnen selbst – etwas tragen. Ich sehe mir die beiden an und denke: So gewiss wäre ich auch gerne.

Aber beide wirken, auf ihre je eigene Art, auch ein bißchen prätentiös – der eine im Anzug, der über die Bilder herrscht, der andere, kniend, der über sie wacht.

Was beide vor sich ausgebreitet haben, bekommt den Charakter von Reliquien. Wie ein Ex-voto, ausgelegt in der Hoffnung, dass es wirkt, ohne dass je bewiesen werden könnte, dass es gewirkt hat. Nur die Richtung ihres Glaubens unterscheidet sich: Malraux missioniert – er zeigt seine Reliquien einem Publikum, verkündet ihre Verwandtschaft in einem Buch, das in die Welt geht. Kempowski dagegen sammelt und verwaltet, fast eremitisch, kniend vor einem privaten Archiv, das erst Jahrzehnte später den Weg in eine Institution fand. Der eine predigt, der andere hütet.

Was allerdings tatsächlich, direkt, funktionieren kann – im Sinne von: Wirkung haben, etwas auslösen, treffen –, ist nicht das große Versprechen des Systems (die Verwandtschaft aller Kunst, die rettende Erhellung der eigenen Biografie durch ein Archiv), sondern die einzelne, konkrete Doppelseite, wenn sie gelingt, wenn sie überrascht.

Malraux kämpft für punktuelle Erkenntnis durch Bildvergleich über Kulturen und Epochen hinweg: der archaische Kopf neben dem gotischen Engel. Bei allen Nachteilen, die das haben kann, steckt darin auch eine Möglichkeit – die, bescheidener auf die Hochkultur zu blicken, wenn anderswo, vielleicht früher, unter schlechteren Bedingungen, ähnlich aufregende Artefakte entstanden sind. Ob ihn das selbst nachdenklich gemacht hat oder ob er, ein 500 Jahre altes Artefakt neben einem Matisse betrachtend, nur einen Kulturchauvinisten in sich bestätigt sah – weiß ich nicht.

Kempowski kämpft für etwas anderes: gegen Erinnerungslücken, gegen Verdrängung, gegen die falsch rekonstruierte Biografie eines jeden. Ihm geht es nicht nur darum, dass Fotos erhalten bleiben, sondern dass sie wirksam werden – dass sie falsche Vorstellungen von der Vergangenheit korrigieren können. Ein Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1943, in dem sich der Krieg mit keiner Falte einschreibt – lachende Gesichter, ein gedeckter Tisch, als gäbe es die Zeit nicht, in der es entstand –, zeigt etwas über Verdrängung, über ein Geschichtsbild mit blinden Flecken, das viele so nicht kennen.

Das Glaubenssystem als Ganzes bleibt unbeweisbar, eine Behauptung im Anzug oder auf Knien. Der einzelne Treffer nicht.

Und schlussendlich wiederhole ich hier, mit meinen zwei Fotos, Malraux' Geste: Bilder aus verschiedenen Sphären zusammenzuführen, eine neue, von mir gestiftete Nachbarschaft zu schaffen. So nebeneinandergestellt geben die Fotos – ursprünglich genutzt für denkbar verschiedene Anlässe: eine Homestory in einer Illustrierten, ein Werbeflyer für eine Archiv-Ausstellung – Sichtweisen frei, die sich, jedes Bild einzeln betrachtet, nicht ergeben hätten. Auch das, im Kleinen, ein Ex-voto.

Anmerkung
[4] Ein Pleyel-Doppelflügel ('Duo-Clave',
zwei Klaviaturen, ein gemeinsamer Resonanzboden, nur rund 50 je gebaut) – 1946 von Malraux' Frau, der Konzertpianistin Madeleine Lioux, für 190.000 Francs erworben. 2021 wurde er, längst nicht mehr im Familienbesitz, bei Dreweatts versteigert.
[zurück]




Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
 
18.06.2026
Lieblingspfeile

LP 2229 - Lieblingspfeil Nr. 2229 von Hannes Kater
Detail aus einem Wimmelbild, das 1978 in Gerhard Seyfrieds Buch Wo soll das alles enden erschien
Lieblingspfeil Nr. 2229
Widersprüchliche Zielangaben

Dieser Wegweiser aus der Zeichnung Am Bundesfahndungstag von Gerhard Seyfried weist in 3 Richtungen auf die gleiche Sache: die Stadtmitte, bzw. City, bzw. Innenstadt.

Die Zeichnung zeigt eine chaotische Szene in einer Innenstadt mit mindestens 33 größtenteils
desorientierten und / oder verängstigten Protagonisten.

Mehr zu Seyfried hier.


Vgl. auch mit:
Pfeil-Situation_19




Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
 
16.06.2026
Lieblingspfeile

LP 2228 - Lieblingspfeil Nr. 2228 – eingereicht von Hinrich Schmieta
LP 2228 - Lieblingspfeil Nr. 2228 – eingereicht von Hinrich Schmieta. Bildbearbeitung Hannes Kater
Fragwürdiger temporärer Einordnungspfeil (oben), fotografiert von Hinrich Schmieta
Digital bearbeitete Varianten des Einordnungspfeils (unten)
Lieblingspfeil Nr. 2228
Pfeil mit fraglichen Abzweigeschwung

Gestern bekam ich diese Email:
"Hi Hannes, ich bin mitten in der Baustelle vom Fahrrad gestiegen, um diesen wunderbaren Pfeil zu fotografieren."
[…]

Den falschen Abbiegeschwung, bzw. die sich aus dem falsch angesetzten linken Abbiegepfeil zwingend ergebene
falsche Bewegungsrichtung, wird in der digital bearbeiteten Variante unten rechts hoffentlich für alle ersichtlich...


Eingereicht von Hinrich Schmieta.




Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
14.06.2026
Der Schritt ins Asemische

Bevor „asemisch" ein Wort für eine Kunstform wurde, war es ein Wort für eine Krankheit. „Asemisch" kommt aus dem Griechischen: das alpha privativum plus sema, Zeichen. Wörtlich: zeichenlos. 1885 taucht „Asemie" bei dem britischen Gelehrten Frederic Myers auf – als Bezeichnung für eine Störung, verwandt mit Aphasie: die Unfähigkeit, Zeichen zu verstehen oder zu bilden. Ein Defekt. Erst 1997 machen die Dichter Tim Gaze und Jim Leftwich aus dem Unvermögen ein Programm und nennen es Asemic Writing. Aus einer Diagnose wird ein Angebot.

Das ist die Einleitung zum Text, den man
hier lesen kann
.



Hannes Kater – Detail einer Zeichnung Juni 2026
WeitereKunstpfeile:
05.01.2026 – Kunstpfeil_111
17.12.2025 – Kunstpfeil_110
11.09.2025 – Kunstpfeil_109
02.07.2025 – Kunstpfeil_108
12.06.2025 – Kunstpfeil_107
19.05.2025 – Kunstpfeil_106
12.05.2025 – Kunstpfeil_105
07.05.2025 – Kunstpfeil_104
06.05.2025 – Kunstpfeil_103
05.05.2025 – Kunstpfeil_102
18.03.2025 – Kunstpfeil_101
[...]
1955 war der weitläufige Platz "Am Steintor" in Hannover ein typisches Beispiel für eine autogerechte Stadt, zu der Hannover unter dem Baustadtrat Rudolf Hillebrecht nach dem 2. Weltkrieg umgebaut wurde.
Erst 1973 wurde der Platz in eine Fußgängerzone umgewandelt.
12.06.2026
Kunstpfeil_112

Kunstpfeil_112 (Hans Düne, Detail)
LP 2226 - Lieblingspfeil Nr. 2226 von Hannes Kater
Foto einer Gouache von Hans Düne, 1955, Maße unbekannt
Im Handy-Foto eines alten schwarz-weiß Fotos aus dem, von meinem Onkel Claus von der Osten begonnenen, Werkverzeichnis meines Großvaters, des Malers und KunsterziehersHans Düne.

Hans Düne war als Mentor von Kunsterzieher-Referendaren in Niedersachsen oft in Hannover und hat dort dann auch gemalt.
Die Gouache einer Situation am Steinstor
* mit dem Abbiegepfeil entstand 1955.


Vgl. auch mit weiteren Kunstpfeilen, die ganz gegenständlich, in abgebildeten Verkehrszeichen oder Logos ihren Auftritt haben:
Kunstpfeil_104: Schild mit Abbiegepfeil
Kunstpfeil_96: Richtungsschild
Kunstpfeil_82: FedEx-Logo
Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
Das Logo der Marke Quigg (Eigenmarke von Aldi Nord) existiert in zwei Varianten:
Das klassische, also alte, Logo: Der Name "QUIGG" in dicken, weißen Großbuchstaben, eingebettet in eine ovale, dynamische Umrandung, die an den Enden in zwei Pfeile ausläuft (oft in Blau und Rot oder schlicht in Schwarz-Weiß gehalten).
Das aktuelle Logo verzichtet auf Pfeile..
11.06.2026
Lieblingspfeile

LP 2227 - Lieblingspfeil Nr. 2227 von Hannes Kater
Foto (Detail) von einem älteren kleinen Aktenvernichter der Firma Quigg
Lieblingspfeil Nr. 2227
Von der Norm abweichende Pfeile

Diese zwei Pfeile, die, zusammen mit dem Firmennamen, das klassische Firmenlogo* des Herstellers eines Aktenvernichters bilden, sind aus zwei Gründen interessant:
a) beide
Pfeilspitzen wurden versetzt, befinden sich also nicht mittig der Pfeilbahn
b) die
Pfeilspitzen sind asymmetrisch, auch weil sie so die, an ägyptische Kartuschen erinnernde, ovale Einfassung fortsetzen


Wegen der versetzten Pfeilspitze ver-
gleiche auch mit:
LP_1548
LP_1538
LP_1260
LP_0341

Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
WeitereKunstpfeile:
05.01.2026 – Kunstpfeil_111
17.12.2025 – Kunstpfeil_110
11.09.2025 – Kunstpfeil_109
02.07.2025 – Kunstpfeil_108
12.06.2025 – Kunstpfeil_107
19.05.2025 – Kunstpfeil_106
12.05.2025 – Kunstpfeil_105
07.05.2025 – Kunstpfeil_104
06.05.2025 – Kunstpfeil_103
05.05.2025 – Kunstpfeil_102
18.03.2025 – Kunstpfeil_101
[...]
Kunstpfeil_56 bekam am 12.03.2020 seinen Eintrag
ins Weblog
.
Mehr zu Anna Oppermann hier.
** 
Erstaunlich angenehme Ausstellung – zumindest nach dem Besuch der Deichtorhallen und den dortigen Ausstellungen zur 9. Triennale der Photografie...
Ausstellung noch bis zum 22.09.2026, Kunstverein in Hamburg, Klosterwall 23, 20095 Hamburg
*  Die wenig präsente blau-weiß-
karierte Tischdecke hilft zudem,
die teilweise problematische
weiß-blaue Farbstimmung, die
immer auch an Zwiebelmuster-
geschirr und eine eher naive
Handschriftlickeit erinnerte, im
Ensemble zu reduzieren...
Vgl. mit dieser Abbildung.
**  Allerdings Beschreibt Oppermann
das Zeichnen von Pflanzen als Ausgangspunkt / Beginn ihrer
Arbeit: Oppermanns Methode.
09.06.2026
Nachtrag zu Kunstpfeil_056*

Kunstpfeil_056 Ergänzung (Anna Oppermann, Hausfrau sein, Aufbau 2026, Hamburger Kunstverein. Detail) Foto: Hannes Kater
Kunstpfeil_056 - Ergänzung – Anna Oppermann, Hamburger Kunstverein 2o26.  Foto: Hannes Kater
Seitenansicht des Oppermann-Ensembles "Hausfrau sein" im Hamburger Kunstverein 2026
Ich habe die 2020 als Kunstpfeil_56* vorgestellte Arbeit Hausfrau sein von Anna Oppermann, die ich in Oppermanns Einzelaustellung Das Bild steht auf der Fensterbank bei Barbara Thumm in Berlin fotografiert hatte, in der Gruppenausstellung A Nail to Hang the Day On im Hamburger Kunstverein** wieder gesehen – und kann nun zwei Realisationen des Ensembles Hausfrau sein – 1968-1973 / 2020 und 1968-1973 / 2026 – miteinander vergleichen.

Sowohl der Aufbau des Ensembles Hausfrau sein in Berlin 2020, als auch jetzt in Hamburg, wurde interpretiert und realisiert von Dr. Anna Schäffler (Estate Anna Oppermann).


Die Tischdecke

Eine niederländische Rezension (De Witte Raaf) der Bonner Oppermann-Retrospektive 2024 beschreibt explizit: "Op het altaartje van Hausfrau sein ligt een geruit tafelkleed dat een kneuterige keukensfeer oproept" – ein kariertes Tischtuch, das eine spießig-behagliche Küchenatmosphäre heraufbeschwört.

im Zusammenspiel mit anderen Elementen wie den "Altärchen": Möbel(miniaturen), Hocker, Figuren und Beiträgen (Texten) rund um die "ideale Hausfrau" und dem Familienglück wird – und wurde – die Tischdecke prominent präsentiert..

Die Tischdecke war also kein Nebenrequisit, sondern ein bewusst gesetztes ikonografisches Signal für das "Hausfrau"-Klischee – dass sie in der aktuellen Hamburger
interpretierenden Neuinstallation fast verschwindet führt zu einer interpretatorisch relevanten Verschiebung: das zentrale Kitsch-/Rollenbild-Signal wird zurückgenommen – während gleichzeitig die Rauminvasion (Boden, Tiefe) verstärkt wird... eine Akzentverschiebung vom ironischen Rollenzitat hin zu einer eher räumlich-materiellen, weniger domestizierten Lesart?*

Vier Pflanzen sind dem Ensemble "Hausfrau sein" als Bezugspflanzen bzw. Referenzpflanzen zugeordnet: Kaktus, Graslilie, Calla (Oppermann schreibt Kalla) und Haselnuß. Drei sind typische Fensterbank- und Wohnzimmerpflanzen bürgerlicher Interieurs der 1960er/70er Jahre: Kaktus und Graslilie (Chlorophytum) sind pflegeleichte Grünzeug-Klassiker, die Calla ist eine dekorative Schnitt-/Topfblume mit gehobenerem, fast repräsentativem Anspruch. Nur der Haselzweig mit Kätzchen ist keine Zimmepflanze und fällt aus der Reihe heraus.

Der Begriff Referenzpflanze bleibt bei aller Recherche unspezifisch... welche Folge welche Pflanze als Referenz für eine Installation hat, oder haben könnte, bleibt offen. Genauso, ob bei jeder Reinszenierung eines Ensembles die historischen Referenzpflanzen wieder ihren Auftritt haben müssen.
**


Vergleich der Versionen von "Hausfrau sein" von 2020 und 2026

Die Referenzpflanzen
Kaktus (Detail) aus: Anna Oppermann Hausfrau sein, Hamburg 2026
Kleiner Kaktus, Hamburg 2026
Pflanze (Detail) aus: Anna Oppermann Hausfrau sein, Hamburg 2026  Foto: Hannes Kater
Graslilie, Hamburg 2026
Pflanze (Detail) aus: Anna Oppermann Hausfrau sein, Hamburg 2026  Foto: Hannes Kater
Haselnußzweig, Hamburg 2026
Kaktus (Detail) aus: Anna Oppermann Hausfrau sein, Berlin 2020  Foto: Hannes Kater
Sehr kleiner Kaktus, Berlin 2020
Blume (Detail) aus: Anna Oppermann Hausfrau sein, Berlin 2020  Foto: Hannes Kater
Blume (Calla?), Berlin 2020
Blume (Detail) aus: Anna Oppermann Hausfrau sein, Berlin 2020  Foto: Hannes Kater
Pflanze (?), Berlin 2020
 
Kunstpfeil_056 - Ergänzung – Anna Oppermann, Hamburger Kunstverein 2026  Foto: Hannes Kater
Kunstpfeil_056 - Anna Oppermann, Galerie Barbara Thumm, 2020  Foto: Hannes Kater
In Hamburg fast nicht zu sehende Tischdecke (oben) und die sehr präsente Tischdecke in der Ausstellung in der Galerie Thumm 2020 (unten)
Kunstpfeil_056 Ergänzung (Anna Oppermann, Hausfrau sein, Aufbau 2020, Galerie Barbara Thumm. Details) Foto: Hannes Kater
Detail links: fotografiert in der Aufbauvariante von 2020 (Galerie Thumm), Detail rechts stammt aus einem anderen Ensemble von Oppermann
Zu Oppermanns Methode
Version 1.02
Eine Pflanze, ein Blatt wird gezeichnet. Nicht einmal, sondern wieder und wieder, über Tage, weil sich beim Zeichnen etwas zeigt, das beim bloßen Ansehen nicht sichtbar war. Die gezeichneten Blätter, also die bezeichneten Papierblätter, kommen auf einem Tisch zum Liegen, ein Spiegel kommt hinzu – und dann eine Zeichnung des Tisches mit den gezeichneten Blättern darauf. Jeder Schritt entsteht aus dem vorigen, keiner ist geplant gewesen, bevor er da war.

So wächst über Jahre eine Arbeitsweise, die Oppermann später in vier Phasen beschreibt, nicht weil sie vorher entworfen wurden, sondern weil sich im Rückblick zeigt, dass es immer wieder dieselben vier sind: erst die Versenkung in ein Objekt. Dann das Sammeln von allem, was dabei an Reaktionen entsteht, ungefiltert, auch
das Unfertige, auch das, was später peinlich wirkt – dieses Material muss zuerst da sein, bevor irgendetwas daraus ausgewählt werden kann. Erst danach kommt die Distanz: ein zusammenfassendes Foto, eine erste Deutung. Und erst ganz am Ende die Analyse, die das Gesammelte mit anderem in Beziehung setzt, mit Texten, mit fremden Bildern, mit dem, was andere dazu sagen.

Das Ensemble "Hausfrau sein" entsteht auf diese Weise, ab 1968, über Jahre, nicht in einem Zug. Ein Tisch kommt dazu, eine karierte Decke, kleine Möbel im Maßstab einer Puppenstube. Eine Zeichnung dieser Möbel entsteht, dann ein Foto davon, dann wird das Foto Teil einer neuen Zeichnung. Irgendwann steht mitten darin, in Rot, ein Wort: Explosion [Siehe Abbildung oben links]. Es steht dort nicht, weil es

geplant war, sondern weil es sich aus dem Material ergeben hat, das sich in dieser Zeit angesammelt hatte – Notizen, auch über eine Zeit, in der ihr das gewohnte Sprechen schwerfiel. Das Ensemble erklärt das nicht, es zeigt nur, was während der Arbeit daran entstanden ist.

Was von diesem langsamen Werden fünfzig Jahre später noch da ist, wenn das Ensemble an einem neuen Ort wieder aufgebaut wird, lässt sich nicht auf einen Blick erfassen. Es zeigt sich erst, wenn man einzeln nachsieht: ob die Decke noch liegt, ob die Pflanzen noch da sind, welche von ihnen, wie sichtbar. Jede neue Aufstellung ist selbst wieder ein Schritt in derselben Methode – nicht Wiederholung, sondern Fortsetzung.

Oppermann über ihr Zeichnen
Ein Zeichnen im Ensemble will nicht, wie im traditionellen Sinn gemeint, primär den Nachweis einer spezifischen Fähigkeit des Abbildens erbringen, sondern ist in erster Linie Mittel zum Zweck der Stimulierung oder Verstärkung bestimmter Bewusstseinszustände

1. um sinnlich zu vereinnahmen, sich zu konzentrieren, sich zu versenken (naturalistische Detailzeichnung vom realen Ausgangsobjekt in der Meditationsphase),

2. um Unbewusstes herauszulocken, sich zu entkrampfen, sich abzureagieren -- Erinnerungen, Erfahrungen, Assoziationen zu provozieren (spontane Skizzen und verbale
Notizen über Bezugsobjekte der Ensembles in der kathartischen Phase),

3. um den Zustand der Distanz, des Zurückerinnerns, Überprüfens, Denkens einzuleiten und zu unterstützen (als naturalistische Zeichnungen, wo Ergebnisse der Produkte aus Meditations- und kathartischer Phase auf eine Fläche gebracht sind in der Reflexionsphase),

4. um zusammenzufassen, zu reduzieren, zu simplifizieren und zu vermitteln, einen Überblick, ein Urteil im Hinblick auf einen Gesamtzusammenhang zu ermöglichen (Konstruktionsskizzen, Konzeptskizzen, Themenpläne, Orientierungs- oder
Guckanleitungen, Diagramme. Eine Text-Bildsynthese auch als Grundlage einer weiterführenden Reflexion über die Methode des Vorgehens insgesamt) (analytische Phase).

Deswegen sind in Ensembles enthalten: naturalistische Zeichnungen, spontane Skizzen, Themenskizzen zur Orientierung des Betrachters, Konstruktions- und Installationszeichnungen von Ensembleaufbauten, Diagramme und Zeichnungen, in denen diese unterschiedlichen Typen wieder in einer Bildfläche zusammengefasst sind.

Zitiert nach dem Warnke-Onliearchiv.
Textvergleich
Wenn man diesen über vierzig Jahre alten Text, den ich erst jetzt gefunden habe, als ich mal wieder der Anna Oppermann hinterher recherchierte, mit meinem 15 Jahre alten Text Epistemisches Zeichnen (2010-2011) vergleicht, dann sind die Parallelen erstaunlich. Beide Texte haben einen sehr ähnlichen Ausgangspunkt: die Weigerung, Zeichnen nur als Nachweis einer Fähigkeit zu verstehen. Bei Oppermann heißt das explizit – nicht der "Nachweis einer spezifischen Fähigkeit des Abbildens", sondern Mittel zur Stimulierung von Bewusstseinszuständen. Bei mir dann 2011, ohne Kenntnis dieses Satzes: Zeichnen als Medium, in dem sich das Denken vollzieht, nicht als Werkzeug, um bereits Gedachtes [Bekanntes, Gesehenes] einzusetzen. Zwei unterschiedlich begründete Absagen an dieselbe Erwartung.

Die Konvergenz reicht allerdings tiefer als die gemeinsame Verneinung. Was ich mit Stellenwertsemantik benenne – die Zeichenkette erklärt das einzelne Zeichen, nicht umgekehrt, Bedeutung entsteht aus der Position in einer Konfiguration –, ist bei Oppermann als räumliches Prinzip ähnlich angelegt: das Ensemble als Ort, an dem Hehres neben Banalem steht, wo "das räumlich Arrangierte, die mögliche Ortsveränderung der Bestandteile, ihre
inneren Verschiedenheiten ungewohnte Kombinationen und Bedeutungszuschrei-bungen ermöglichen".

Zwei verschiedene Herangehensweisen, dieselbe Grundüberzeugung: dass ein einzelnes Element seine Bedeutung nicht mitbringt, sondern erst durch seine Stelle im Gefüge bekommt.

Auch dort, wo die beiden Verfahren zunächst auseinanderzulaufen scheinen, liegt bei genauerem Hinsehen eine Verwandtschaft. Ich beschreibe mein Zeichnen gerne als illokutionsabgewandt – ich zeichne also zu allererst für mich selbst, ohne dass die Perspektivierung für einen Betrachter zunächst im Vordergrund steht. "Zunächst einmal", nicht: grundsätzlich nicht. Das lässt sich nicht als Fehlen eines Adressaten lesen, sondern eher als Zurückhaltung: Niemandem wird der Aufwand zugemutet, sich durch etwas Eigenwilliges und Unbekanntes hindurchzuarbeiten, bevor überhaupt klar ist, dass es mitteilungsreif ist. Genau darin trifft es sich mit Oppermanns "relativer Offenheit des Arrangements" und ihren gestaffelten "Guckanleitungen für Betrachter" – auch das ist eine Form von Sorge um den, der sich erst allmählich in etwas Fremdes einarbeiten soll. Der Unterschied liegt nicht darin,
ob ein Betrachter mitgedacht wird, sondern wann und wie die Vermittlungsarbeit geleistet wird: Oppermann baut sie in dasselbe Ensemble ein, in dem auch das private Rohmaterial liegt. Bei mir trennt sich das eher zeitlich und räumlich bei den großen Installationen.

Da werden die A4-Zeichnungen – Tageszeichnungen, Zweihandzeichnungen, Auftragszeichnungen, Ziehungszeichnungen – zu einem Steinbruch: Material, aus dem sich die raumfüllenden Zeichnungsinstallationen, Raumzeichnungen, Projekte mit Projektionen und geschnittenem Styropor speisen. Das ist strukturell dasselbe Verfahren, das Oppermann für ihre Bezugsfotos beschreibt – ein jeweils zusammenfassendes Foto eines Ensembleaufbaus, "zusammen mit dem realen Objekt Ausgang weiterer Bemühungen". Nur ist mein Ausgangsmaterial in seiner ursprünglichen Form weniger präsent in den Installationen – allerdings schätze auch ich es, Entwicklungen während des Aufbaus (teilweise) nachvollziehbar zu erhalten...

In beiden Fällen ist das früher entstandene Material nicht abgeschlossen, sondern wird selbst wieder zum Ausgangspunkt einer neuen, weiteren – und dann auch wieder öffentlichen – Stufe.
Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Juni 2026
 
01.06.2026
Lieblingspfeile

LP 2226 - Lieblingspfeil Nr. 2226 von Hannes Kater
Stark bestickertes Verkehrszeichen in Berlin Charlottenburg
Lieblingspfeil Nr. 2226
Pfeil ohne Pfeilspitze

Dieser arg bedrängte Pfeil – so ist die eigentliche Pfeilspitze überklebt – ist immer noch als solcher zu erkennen: ein weiteres Beispiel für die Robustheit des Zeichens.


Vgl. a. mit:
LP_0001
LP_0620
LP_1279
LP_1314
LP_1617
LP_1834



Hannes Kater – Detail einer Zeichnung, Mai 2026
"Flucht-Sprühbild" – die Linie verändert sich durch den zunehmenden Abstand, bedingt durch Hektik und Angst, der Sprühdose zum Sprühgrund: Ergebnis Kontrollverlust.
**  In der Szene abfällig "Toy" genannt – Ausführung, die einem höheren Anspruch (Pfeilspitze!) nicht gewachsen ist.
08.05.2026
LP 2225 - Lieblingspfeil Nr. 2225 von Hannes Kater
Graffiti an einem Bauzaun von einer der aktuellen Baustellen am Aleanderplatz in Berlin
Lieblingspfeil Nr. 2225
Potentiell hektisch gesprühter Pfeil

Ein Pfeil an einem Bauzaun, gut einsehbar, hastig gesetzt.
* Die Linie beginnt einigermaßen scharf und wird zunehmend breiter und diffuser – der Abstand zur Fläche hat sich während der Bewegung offenbar vergrößert.

Handwerklich lässt sich wenig Positives sagen: unsichere Schwünge, keine Kantenkontrolle – also ungenauer Sprühabstand –, kein Wille zur Form, sondern eher das Bedürfnis, die Fläche voll zu machen. Ambition: Markierung im Vorbeigehen.
** Genau das macht die Linienschwünge und die ambitionslos wirkende Pfeilspitzensetzung [siehe auch hier] interessant – sie zeigt nichts als sich selbst, keine Botschaft, nur die physische Spur einer Reviernahme durch eine raumgreifende Markierung.

Die
Pfeilspitze selbst verdient einen eigenen Blick: Sie startet als etwas zu lang gehaltener, naher Punkt – mit leichten Läufern –, dann entfernt sich die Dose zunehmend wieder von der Fläche. Im Hin und Her dieser Bewegung entsteht am Wendepunkt der Pfeilspitze noch einmal eine leichte Verdichtung, bevor die Spitze endgültig in Sprühnebel ausläuft und abbricht.

Der eigentliche Clou kam später dazu: der Bauzaun wurde umgebaut, die Holzplatten in neuer Reihenfolge zusammengesetzt. Damit sind die Linien an mehreren Stellen zerschnitten und versetzt wieder zusammengefügt. Aus der einen Geste wird eine gebrochene Struktur, deren "Abbruchkanten" – die Punkte, an denen die Fortsetzung nicht mehr ankommt – zum auffälligsten Element des Bildes wird.

So bekommt der Pfeil eine zweite Autorenschaft, die von ihrer Rolle nichts wussten: Bauarbeiter montierten die flächenfüllende Linien-Geste neu – und was ursprünglich nur schnell gemacht und wenig ansehnlich war, wird durch diesen Eingriff zu einer komplexeren Situation, die wegen ihrer Bruchstellen Aufmerksamkeit generiert und bindet – die Erwartung von Kontinuität wird enttäuscht, das Auge bleibt hängen.



spacer
Pfeil runter 03. Mai 2026
spacer spacer spacer spacer spacer spacer

hoch Zum Seitenanfang



[ Home | Zeichnungsgenerator | Aktuell | Zeichnungen | Projekte | Texte | Service ]
[ Datenschutzerklärung | Impressum | Mail an Hannes Kater ]