Texte aus dem Jahr 2026
Was mit "epistemischem Zeichnen" gemeint ist — und was nicht Stand 27.07.2026 – Version 1.05
Eine Begriffsbestimmung
 

Zweck dieses Texts: mehrere Dinge auseinanderhalten, die im Gespräch über "epistemisches Zeichnen" üblicherweise in einen Topf geworfen werden. Wer nur zwei Sätze lesen will: siehe letzter Abschnitt.


1. Zwei unabhängige Achsen

Das Wort "epistemisch" wird im Zusammenhang mit Zeichnen für mindestens zwei völlig verschiedene Fragen benutzt, die getrennt beantwortet werden müssen, weil sie sich unabhängig voneinander verändern können.

Achse A — der Bezug. Wozu steht die Zeichnung in Beziehung? Zwei Grundtypen:
  Korrespondierend / mimetisch: Es gibt ein von der Zeichnung unabhängiges Ding oder Vorbild (ein Apfel, ein Aktmodell, ein Diagramm mit vorgegebenem Sachverhalt), und die Zeichnung wird an diesem Vorbild gemessen. Fehler sind Abweichungen vom Vorbild.
  Konstituierend / relational: Es gibt kein externes Vorbild. Die Zeichnung erzeugt die Relation, die sie zugleich prüft — etwa wenn zwei Bildzeichen im Raum zueinander in Beziehung gesetzt werden und diese Positionierung selbst erst herstellt, was zuvor nicht feststand.

Achse B — die Ordnung des Vorgangs. Was verändert sich während der Entscheidungen, die beim Zeichnen getroffen werden? Hier lässt sich, in loser Anlehnung an Gregory Batesons Stufen des Lernens (Steps to an Ecology of Mind, 1972), unterscheiden:
  Ordnung I: Korrektur innerhalb eines feststehenden Möglichkeitsraums. Man wählt richtig aus bekannten Alternativen. Bestätigung, keine Genese.
  Ordnung II: Die Prämissen selbst werden revidiert — eine Entscheidung verändert nicht nur das Ergebnis, sondern die Regel, nach der zukünftig entschieden wird.
  Ordnung III: Selten, meist über lange Zeiträume: Das ganze System, das Ordnung-II-Entscheidungen hervorbringt, wird selbst neu geordnet.

Der entscheidende Punkt: Diese beiden Achsen sind orthogonal — nicht metaphorisch gemeint, sondern im präzisen, aus Mathematik und Methodik übernommenen Sinn: Der Wert auf der einen Achse legt den Wert auf der anderen nicht fest. Das ist eine überprüfbare Behauptung, keine Stilfigur — sie stimmt nur, wenn tatsächlich alle vier Kombinationen vorkommen (siehe Tabelle in Abschnitt 4), und genau das ist hier der Fall. Mimetisches Zeichnen ist meistens Ordnung I (die Anatomie-Korrektur beim Aktzeichnen bleibt Ordnung I, egal wie kunstvoll sie ist, weil ein externer Maßstab existiert), kann aber punktuell Ordnung II hervorrufen (der Moment, in dem jemand aufhört, sein Konzept zu zeichnen, und anfängt zu sehen). Konstituierendes Zeichnen ermöglicht Ordnung II eher, weil kein externer Maßstab vorhanden ist — garantiert sie aber nicht: Wer ein einmal etabliertes relationales Vokabular routiniert anwendet, operiert trotz fehlendem externem Vorbild auf Ordnung

Eine Anmerkung zur Ableitung und Begriffsfindung:
Achse B ist, meines Wissens, nicht Bestandteil einer bestehenden Zeichnungstheorie, sondern (m)eine Übertragung von Batesons allgemeiner Lerntheorie auf das Zeichnen.

Eine Anmerkung dazu: Thomas Kuhns Paradigmenwechsel (The Structure of Scientific Revolutions, 1962) beschreibt eine strukturell verwandte, aber nicht identische Bewegung — Anomalie, Krise, Modellrevision — und wird deshalb gern zur Illustration von Ordnung III herangezogen. Bei Kuhn ist der Wechsel jedoch wesentlich soziologisch: Ein Paradigma ist der Konsens einer Gemeinschaft, und sein Wechsel setzt typischerweise eine zweite, widerstreitende Partei voraus, die abtritt (das sogenannte Plancksche Prinzip — eine neue Wahrheit setzt sich oft erst durch, wenn ihre Gegner nicht mehr da sind). Bei der Revision eines einzelnen, individuell geführten Systems fehlt dieser zweite Akteur strukturell. Batesons Lernstufen, für ein einzelnes System entwickelt, sind daher der treffendere Bezug für individuelle Praxis; Kuhn bleibt der treffendere Bezug für eine Disziplin oder Gemeinschaft.


2. Was "epistemisches Zeichnen" in der Literatur tatsächlich meint — und was nicht

Der Begriff hat mindestens zwei nachweisbar unterschiedliche Verwendungen, die denselben Namen tragen:

Lutz-Sterzenbach (2014a, 2015, Dissertation "Epistemische Zeichenszenen" [1]) — kunstphilosophisch/bildwissenschaftlich verankert (Boehm, Heßler & Mersch, Goodman). Zentral: Zeichnen als "erkenntnisstiftendes und damit bildendes Handeln". Wichtig: Sie grenzt den Begriff selbst ausdrücklich ein. Wörtlich in einer Fußnote ihrer Arbeit: "Epistemische Zeichenszenen [1] beziehen sich — um ein mögliches Missverständnis auszuschließen — dezidiert nicht auf Technisches Zeichnen oder Sachzeichnen, sondern auf mimetische Entwurfs- und Gestaltungsprozesse." Ihr Begriff schließt also Karten, Diagramme, Sachzeichnung von vornherein aus. Der methodische Fokus liegt auf dem "denkend handelnden Subjekt im Rahmen einer Zeichenszene" (ein Begriff, den sie von der Bildwissenschaftlerin Barbara Wittmann übernimmt) — nicht auf dem fertigen Bild als Ergebnis.

Sachunterrichtsdidaktik (z. B.
Oberhauser 2023 [2]) — übernimmt Lutz-Sterzenbachs Begrifflichkeit, aber für ein Feld, das diese explizit ausgeschlossen hatte, und weitet ihn dabei: "Jedes Zeichnen kann aus epistemischer Perspektive betrachtet werden." Das ist keine Fortführung von Lutz-Sterzenbachs Definition, sondern eine andere, losere Verwendung desselben Begriffs, mit einem (vermutlich) anderen Zweck: es geht nicht Beschreibung eines bestimmten Erkenntnisvorgangs, sondern um die didaktische Legitimation des Zeichnens als Unterrichtsgegenstand innerhalb eines Fachs, das mit einer chronisch mageren Zeichenpraxis kämpft.[3]

Konsequenz: Wer "epistemisches Zeichnen" sagt, sagt damit noch nicht, welche der beiden Verwendungen gemeint ist — die enge (Lutz-Sterzenbach: mimetische Entwurfsprozesse, exklusive Definition) oder die weite (didaktische Anwendungen: praktisch alles, was mit einem Stift gemacht wird, inklusive Verweischarakter). Das ist keine Nuance, sondern ein Unterschied, der darüber entscheidet, ob der Begriff überhaupt noch etwas ausschließt.


[1] "Zeichenszene" ist ein Begriff aus der Bildwissenschaft (vor allem bei Frank Goppelsröder und Ulrich Richtmeyer, 2014, sowie bei Barbara Wittmann), und der Kerngedanke ist eine Verschiebung des Blicks: weg vom fertigen Bild als Objekt der Betrachtung, hin zum Akt des Zeichnens selbst als körperlich-materiellem Ereignis in der Zeit.
Konkret heißt das: Eine "Zeichenszene" ist nicht die Zeichnung, sondern die ganze situative Konstellation, in der sie entsteht – die Körperhaltung der zeichnenden Person, der Griff des Stifts, die Berührung von Hand und Papier, das Werkzeug, der Blickwechsel zwischen Objekt und Blatt, die Dauer, der Ort. Wittmann formuliert es so: Der "Körper des Zeichners geht eine temporäre Verbindung mit den materiellen Umständen ein", er "wird Teil des Gefüges". Richtmeyer geht noch weiter und beschreibt Zeichnen als eine Art Selbstberührung – die zeichnende Hand ist gleichzeitig auf beiden Seiten des Blattes involviert, hält es und bearbeitet es zugleich, eine "durch Anderes vermittelte Berührung von linker und rechter Hand".
[2]  "Diese Heiner Oberhauser: Epistemisches Zeichnen – Theoretische Grundlegung des Zeichnens als zentrale Aneignungs-, Ausdrucks- und Kommunikationsform im (Sach-) Unterricht.
Schneider Verlag Hohengehren, 2024
[3]  Grundsätzlich gilt natürlich: Zeichen- und Kunstunterricht in der Schule sollte nicht nur nicht gekürzt, sondern auch qualitativ verbessert werden.
3. Konstituierendes Zeichnen — ein Arbeitsbegriff

Kein etablierter Fachterminus, sondern eine Benennung für Achse A, Pol "konstituierend": Zeichnen, bei dem kein externes Vorbild existiert und die Entscheidungen selbst die Relationen herstellen, die sie zugleich prüfen. Dient hier vor allem dazu, die Frage "korrespondierend oder konstituierend" von der Frage "welche Ordnung" trennscharf zu halten, weil beide sonst leicht ineinanderrutschen.


4. Die Kombination
Ordnung I Ordnung II Ordnung III
Anwendung Revision Systemrevision
korrespondierend
Apfel abzeichnen, Aktzeichnen
als Regelfall
seltener Kippmoment im Sehen (Schön: reflection-in-action)
–––
konstituierend
routinierte Anwendung eines etablierten relationalen Voka-
bulars
echte, oft nichtsprachliche Entscheidung, die eine Relation
neu herstellt
über viele Instanzen sedimentierte Revision
des generativen Apparats selbst (z. B. eine bewusst gebaute Infrastruktur mit festen Kombinationsregeln, die Ordnung-II-Ereignisse zuverlässig produziert und ihre Revision ermöglicht)
Nur die untere Reihe, Spalten II und III, verdient meines Erachtens die Bezeichnung in einem starken, nicht-trivialen, Sinn. Alles andere — auch wenn es fachlich anspruchsvoll und pädagogisch wertvoll ist — sollte anders benannt werden, weil der Begriff sonst nichts mehr ausschließt.


5. Was dieser Text NICHT behandelt (häufige Verwechs-lungen)
  Unendliches Alphabet" / Offenheit eines Zeichensystems als Argument für asemisches Zeichnen. Das ist eine Aussage über die semiotische Struktur eines Zeichensystems (geschlossen vs. offen, endliches vs. unendliches Repertoire) — Achse A und B betreffen dagegen den Entscheidungsvorgang beim Herstellen, unabhängig davon, ob das verwendete Zeichenrepertoire offen oder geschlossen ist. Ein geschlossenes, benanntes Vokabular kann Ordnung-II-Ereignisse hervorbringen (siehe Kombinationstabelle); ein offenes, unendliches Repertoire kann rein reflexhaft, also auf Ordnung I, angewendet werden. Die Offenheit eines Alphabets ist kein Beleg für die epistemische Tiefe seiner Verwendung — wer das eine mit dem anderen beantwortet, wechselt stillschweigend die Achse.
  Ästhetische Erfahrung / subjektiver Ausdruck (die "ästhetische Sichtweise" der Zeichendidaktik) ist eine dritte, wieder andere Achse — wie sich Zeichnen zu Selbst- und Weltbild verhält. Berührt Achse A/B, ist aber nicht mit ihnen identisch.
  Dass Kunst allgemein "irgendwie" mit Erkenntnis zu tun hat, wird hier nicht bestritten. Bestritten wird nur, dass diese allgemeine, trivial wahre Aussage etwas darüber sagt, auf welcher Ordnung ein gegebener Zeichenvorgang tatsächlich operiert.


6. Zusammenfassung

"Epistemisches Zeichnen" ist kein einheitlicher Begriff, sondern wird mit mindestens zwei unterschiedlicher Bedeutung eingesetzt: eine enge kunstphilosophische Verwendung (Lutz-Sterzenbach, ausdrücklich ohne Sachzeichnen), aus der eine weite didaktische Verwendung (u. a. Oberhauser) abgeleitet wurde, die praktisch jede Zeichenhandlung einschließt.
Ob ein Zeichenvorgang – hier ist vor allem das Zeichnen gemeint – tatsächlich Erkenntnis im starken Sinn generiert, hängt nicht davon ab, ob ihm das Etikett "epistemisch" zugesprochen wird, sondern davon, ob die getroffenen Entscheidungen die Prämissen revidieren, unter denen zukünftig entschieden wird (Ordnung II), statt nur innerhalb eines bereits feststehenden Möglichkeitsraums auszuwählen (Ordnung I) — unabhängig davon, ob das Zeichnen einem externen Vorbild folgt oder eigene Relationen herstellt.


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